Reithalftervarianten ohne Sperrriemen können vorübergehend Sinn machen
Zunächst einmal ist zu unterscheiden zwischen der englischen Variante von Reithalfter/Sperrhalfter und dem hannoverschen Reithalfter mit Sperrriemen.
Beim englischen Reithalfter (Abb.1), das sowohl bei Trensenzäumung als auch bei Stangenzäumung eingesetzt werden kann, wird der breite Nasenriemen etwa einige Zentimeter unter dem Jochbein positioniert. Er verläuft unter dem Backenstück der Zäumung und berührt das eigentliche Gebiss bzw. den Trensenring nicht. Hier kann er ein Pferd, das sich den Gebisseinwirkungen des Reiters zu entziehen versucht, bedingt am Aufsperren des Maules hindern. Der Nasenriemen umschließt die Kieferknochen und schränkt sie in ihrer Bewegungsfreiheit ein. Es ist dabei so hoch verschnallt, dass es weder die Atmung des Pferdes, noch die erwünschte Kautätigkeit des Maules behindert.
Dieses Hilfsmittel kann vorübergehend sinnvoll sein, um Ruhe in ein nervöses, sich ständig in Bewegung und vielleicht auch Hektik befindliches Pferdemaul zu bringen. Nuño Oliveira nennt solche Pferde in seinen Schriften liebevoll „geschwätzig“. Gemeint ist eine ganze Palette von unerwünschten Reaktionen auf das Gebiss. Hier ein paar Beispiele:
· Klappernde Geräusche mit den Lippen durch rhythmisches Schließen und Öffnen
· Schnalzen mit der Zunge und Herausdrücken der Zunge
· Zunge heraus hängen lassen
· Zunge über das Gebiss strecken
· Sporadisches oder rhythmisches Beißen mit den Backenzähnen auf das Mundstück und damit verbundenes Öffnen und Schließen des Maules
Ein Pferd, das mit solchen oder ähnlichen Abwehrreaktionen sporadisch oder permanent auf das Gebiss reagiert, kann nicht zu Losgelassenheit und Durchlässigkeit unter dem Reiter finden. Die Gründe für die unerwünschten Verhaltensweisen lassen sich nicht immer genau bestimmen.
Es gibt Pferde, die bedingt durch ihr Temperament oder anatomische Gegebenheiten trotz sachgemäßer und gefühlvoller Handhabung des Gebisses, Schwierigkeiten haben, es anzunehmen. Hier muss man eventuell mit dem unruhigen Maul leben oder es mit alternativen, gebisslosen Zäumungen versuchen.
Meistens liegen jedoch zurückliegende Fehler des Menschen zu Grunde. Wird zum Beispiel ein junges Pferd während des Zahnwechsels ohne Rücksicht auf die schmerzhaften Prozesse im Maul weiter ohne Schonung mit Trense geritten, kann es zu traumatischen Entwicklungen kommen. Dieses Pferd hat eventuell sein Leben lang Probleme mit der Akzeptanz des Mundstücks und kämpft immer wieder dagegen an. Oder das Pferd wird oder wurde ganz einfach mit zu starker und/oder permanenter Handeinwirkung geritten und wehrt sich auf seine Weise gegen den schmerzenden Fremdkörper in seinem Maul.
In manchen Fällen kann es gerechtfertigt sein, das Pferd vorübergehend, über einen Zeitraum von ein paar Wochen, durch das Anlegen eines Reithalfters zu seinem „Glück zu zwingen“. Der Lederriemen reduziert die Kieferbewegungen auf ein gewisses Maß, es kommt etwas mehr Ruhe ins Maul. In dieser Phase kann das Pferd die Erfahrung machen, dass kein Grund mehr für seine Abwehr besteht. Wenn man Glück hat - Voraussetzung ist natürlich hier eine gefühlvolle Zügelwirkung seitens des Reiters - kann dies zu einer dauerhaft besseren Akzeptanz des Gebisses führen. Hat man dieses Ziel erreicht, und das Pferd nimmt das Gebiss vertrauensvoller an, so kann man den Nasenriemen weglassen.
An dieser Stelle sei daraufhin gewiesen, dass das nörgelige Beißen mit den Backenzähnen auf dem Mundstück nicht verwechselt werden sollte mit dem Kauen oder Abkauen des in Losgelassenheit, in gefühlvollem Kontakt mit der Reiterhand gehenden Pferdes.
Bei Letzterem hört man kein Geräusch, das den Zähnen zuzuordnen wäre. Mit Kauen ist vielmehr gemeint, dass das Pferd sich das Gebiss im Maul zurecht legt und es leicht auf der Zunge bewegt. Es ist zu vergleichen mit dem „Kauen“ der Weinkenner bei der Weinprobe.
Der Hannoversche Sperrriemen ist ein Zwangsmittel
Der hannoversche Sperrriemen kommt in verschiedenen Varianten zum Einsatz.
Er ist Bestandteil des Trensenkopfstückes mit hannoverschem Reithalfter, das heute, außer in der Isländerszene, etwas aus der Mode gekommen ist. (Abb.2)
Als Variante wird es in Verbindung mit dem englischen Reithalfter bei uns sehr häufig genutzt.
Auch das mexikanische Reithalfter weist einen Sperrriemen auf.
Wie schon der Name sagt, verhindert dieser Riemen ein Aufsperren des Pferdemauls. Da er in Verbindung mit der Trense zum Einsatz kommt, sei hier zum besseren Verständnis kurz auf die verschiedenen Einwirkungsmöglichkeiten des Trensenmundstückes hingewiesen.
Das bewegliche, in der Mitte durch ein Gelenk bzw. zwei Gelenke durchbrochene Trensenmundstück wirkt auf vielfältige Weise auf Zunge, Laden, Gaumen und Lefzen ein. Dieser Umstand allein ist noch kein Grund zur Kritik, da ja gerade die differenzierten Einsatzmöglichkeiten der Trense sie zu so einem segensreichen Instrument in der Pferdeausbildung machen.
Man sollte jedoch beim Umgang mit der Trense die nicht unerheblichen Hebelwirkungen und die dadurch freigesetzten Kräfte auf das empfindliche Pferdemaul berücksichtigen. Manchmal werden diese durch den Einsatz vermeintlich harmloser Hilfszügel noch vervielfacht. Bei Anzug der Trensenzügel und der damit verbundenen Verringerung des Winkels zwischen den beiden Trensenschenkeln entsteht die sogenannte Nussknackerwirkung, bei der die empfindlichen Laden starkem Druck ausgesetzt werden können.
Vielfach wird noch eine andere Wirkung der Trense zu wenig beachtet, und zwar der Druck des Trensengelenks auf den weichen Gaumen des Oberkiefers. Bei der Untersuchung geschlachteter Reitpferde wurden in diesem Bereich häufig alte und frische Blutergüsse entdeckt. Diese Auswirkungen sind am lebenden Pferd kaum zu entdecken und bleiben deshalb weitgehend unberücksichtigt.
Es bedarf keiner großen Phantasie, das Bedürfnis der Pferde zu verstehen, durch Öffnen des Maules den oben genannten schmerzhaften Einwirkungen auf ihr Maul zu entfliehen, vor allem bei zu starkem Zügelanzug.
Dies wird ihnen aber durch das Anlegen des hannoverschen Sperrhalfters absolut unmöglich gemacht, da es das Pferdemaul stark einengt. Ist der Sperrriemen zu tief verschnallt, kann darüber hinaus die Atmung eingeschränkt werden. Wird er hingegen zu hoch verschnallt, kann das zum Hochziehen die Lefzen führen. Dazwischen genau das passende Mittelmaß zu finden ist sicher nicht immer leicht.
Gewünschte Maultätigkeit wird beeinträchtigt
Nur ein entspanntes, losgelassenes Pferd kann mit seinen Muskeln zweckmäßig arbeiten, d. h. in dem Sinne, dass es die sehnig verstärkte Muskulatur statisch beansprucht und die anderen Muskeln für die Leistung - Vorwärtsbewegung, Sprünge oder auch Versammlung - zur freien Verfügung hat. Ein losgelassenes Pferd vermittelt außerdem ein angenehmes Reitgefühl und ist bereit und fähig, ohne Verspannung an schwierigere Lektionen herangeführt zu werden.
Die gesamte Muskulatur des Pferdes ist ein zusammenhängendes Gefüge, dessen Elemente sich gegenseitig bedingen und beeinflussen. Ist ein Teilbereich verspannt, am Pferdekopf also zum Beispiel die Kaumuskulatur, so entsteht eine Blockade, die das Zusammenspiel der gesamten Muskelpartien beeinträchtigt. Der über dem Gebiss verlaufende hannoversche Sperrriemen fixiert dieses in der Regel sehr stark im Maul und verhindert daher eine lockere Maultätigkeit, es entsteht Festigkeit und Verspannung im Maul.
Das bedeutet: Ein Pferd mit verspanntem, zugeschnürtem Maul ist kaum in der Lage, einen locker schwingenden Rücken und daraus resultierende wirklich entspannte Bewegungen entfalten zu können.
Sicherlich gibt es Reiter, die das hannoversche Sperrhalfter so gekonnt verschnallen und anwenden, dass es keine Beeinträchtigung darstellt. Aber erübrigt es sich dann nicht ganz?
Meine ganz persönliche Meinung
Es ist keine Selbstverständlichkeit, einem anderen Lebewesen ein Stück Metall ins Maul zu legen, um es damit zu beherrschen, zu manipulieren, oder auch, um es positiv auszudrücken, vielleicht mit ihm zu kommunizieren. Pferde haben nicht wirklich Platz für ein Stück Metall im Maul, denn es wird ganz von der Zunge ausgefüllt.
„Es ist unsinnig zu glauben, dass es ein Gebiss gibt, das bei schlechter Handhabung den Gaumen nicht berührt, nicht scharf auf die empfindlichen Laden einwirkt, nicht die Zunge drückt und nicht den Schluckreflex stört.“ (Bent Branderup)
Sollte es uns Freizeitreitern nicht selbstverständlich am Herzen liegen, dieses Instrument Gebiss so zu handhaben, dass unser Pferd gar keinen Grund hat, sich gegen Schmerzen zur Wehr zu setzen? Dann sind Reithalfter und ganz gewiss Sperrriemen ganz überflüssig!
Hinzu kommt, dass ein Pferd mit freiem Maul in der Lage ist, auf falsche oder zu grobe Zügeleinwirkung deutlich sichtbar zu reagieren, was wiederum dem Reiter die Erkenntnis ermöglicht, dass er feiner mit dem Gebiss umgehen sollte. Bei zugeschnürtem Maul lässt sich das nicht so leicht oder gar nicht erkennen. Pferde selbst sind die besten Lehrmeister, wenn man sie nur lässt und ihnen zuhört.
Sicher ist es den Pferden auch angenehmer, so wenig fremdes Material, Leder und Metall, am Kopf zu haben wie möglich und nur so viel wie unbedingt notwendig.
Wer sein reiterliches Können immer wieder überprüft, wem darüber hinaus eine vertrauensvolle Verständigung zwischen Reiter und Pferd, sowie die freudige Mitarbeit seines Partners im Vordergrund stehen, wird sich gegen den Sperrriemen entscheiden.
Die wirkliche Schönheit reiterlicher Lektionen entfaltet sich nur in Verbindung mit Leichtigkeit und Mühelosigkeit.