Die Maultätigkeit – das Kauen
Man hört oft die Redewendung: Das Pferd kaut gut am Gebiss. Das führt jedoch oft zu Missverständnissen.
Viele Pferde nehmen das Gebiss zwischen die Backenzähne und beißen darauf herum. Das hört man natürlich gut und das Pferd öffnet dabei das Maul auch immer wieder. Mit dem erwünschten Kauen ist aber eher das Kauen gemeint, wie es Weinkenner bei einer Weinprobe durchführen. Sie bewegen den Wein im Mund, betätigen dabei jedoch nicht ihre Zähne.
Auch ein zufriedenes Pferd sollte bei möglichst geschlossenem Maul ruhig das Gebiss im Maul bewegen, ohne dass dabei die Zähne aktiv werden. Dabei speichelt es das Gebiss ein, wodurch dieses angenehmer im Maul liegt. Durch das Kauen wird das Pferd auch geschmeidig im Genick, die Ohrspeicheldrüse lässt den Speichel in den Mundraum fließen und wird weich. Da alle Muskeln miteinander verbunden sind, überträgt sich die Entspannung im Genick auch auf die anderen Muskelpartien des Pferdes, Hals und Rücken lösen sich. Das Pferd kann so auch müheloser im Rücken schwingen und mit der Hinterhand besser untertreten. Bei einem Pferd, das ruhig auf dem Gebiss, wie oben erläutert, kaut, bildet sich ein feiner Schaumrand auf den Lippen – fast wie mit Lippenstift gezogen.
Nicht zu verwechseln ist korrekte Maultätigkeit mit nervösem nörgeligem Beißen auf dem Gebiss mit den Backenzähnen! Bei dieser Abwehrhaltung bleibt das Maul manchmal völlig trocken und ungeschmeidig, was natürlich eine gefühlvolle Hilfengebung über das Maul nahezu unmöglich werden lässt.
Oder aber das Pferd schäumt so stark, dass es dicke Schaumflocken an den Lippen hat, die ihm auf die Brust oder die Beine tropfen. Es kommt auch vor, dass Pferde den Speichel regelrecht aus dem Maul fließen lassen, weil sie ihn nicht abschlucken können. Man kann dies oft bei Pferden beobachten, die mit Kandare und Unterlegtrense oder einem anderen Gebiss geritten werden, das eigentlich zu groß ist für die Mundhöhle. Diese ist nämlich von Natur aus gänzlich mit der Zunge ausgefüllt. Das Pferd versucht, das unangenehme Gebiss loszuwerden und bildet dabei Speichel, den es aufgrund des Gebisses nur schwer schlucken kann.
Auch bei Pferden, denen durch zu viel Zügeleinwirkung der Kopf hinter die Senkrechte oder sogar auf die Brust gezogen wird, kommt es oft zu diesen Reaktionen. Das kommt daher, dass die Muskeln am Unterhals, die das Rückwärtsnehmen des Kopfes ermöglichen, auch mit dem Zungenbeinkörper verbunden sind. Ein Pferd, das so geritten wird, kann kaum schlucken und sein Speichel tropft vorne aus dem Maul. Mit korrekter Maultätigkeit hat das so gut wie nichts zu tun, da ein hinter dem Zügel gehendes Pferd im Bereich von Kiefer und Genick so verkrampft ist, dass es gar nicht zufrieden kauen kann.
Übrigens kann man frei laufende oder gebisslos gerittene oder longierte Pferde bisweilen auch durchaus mit «Schäumchen-Lippenstift» kauen sehen. Das korrekte Kauen ist also ein Zeichen für Losgelassenheit und hat nicht ursächlich mit dem Gebiss im Maul zu tun.